BLOG 24 – durch’s wilde Kirgistan

Kirgistan, Kirgisien Kirgisistan sind Namen für das wundervolle Land im Herzen Asiens. Kirgistan ist am gebräuchlichsten, auch weil Kyrgystan im englischen benutzt wird. Also werde ich mich an dieser Schreibweise orientieren.

Du kommst von China, hast über 8 Stunden Fahrt und Grenzprozeduren hinter dir, und erreichst den kirgisischen Checkpoint, und es kommt dir vor wie das Grenzparadies. Der Stempel saust auf den Pass und drückt die Tinte mit dem Einreisedatum auf die Seite. Nächster Eingang, 1 Stock, Pass, Fahrzeugpapiere vorzeigen und das Dokument für den temporären Import des Fahrzeug plottert aus dem Drucker. Versicherung ist nicht gefordert. Danke und gute Fahrt. Die SIM Karte gibt es im Kiosk binnen einer Minute. Eingelegt und ich bin drin im kirgisischen Netz.

Wild camping 4 km hinter der Grenze, einfach von der Straße runter und den schönsten Blick auf die Berge gewählt. China, so einfach kann reisen sein. Es fühlt sich an, als hätte man die Freiheit neu erlangt. Im Grenzbereich stauen sich die LKW kilometerlang. Die armen Kerle, es geht immer ein paar Meter vorwärts. Zur Ruhe kommen geht nicht, Kilometer machen geht auch nicht, nicht Fisch nicht Fleisch.

Das erste Ziel Sary Mogul am Fuße des Pamir Gebirges. Wasserdurchfahrten und abenteuerliche Brücken. Aber was für ein Stellplatz, was für ein Blick, schaut im Youtube Video, man kann es mit Worten nicht beschreiben. Die Luft ist klar, die Sonne in 3000m Höhe spannt die Haut. Der Wagen muss so geparkt werden, dass die Küche halbwegs windgeschützt ist, alles Routine. Der Gipfel des Peak Lenin in über 7134m Höhe ist schneebedeckt. Das klare blau des Himmels wird durch weiße Wolken hervorgehoben. Zeit für ein Bier, Stille und Atmosphäre aufsaugen. Diese Momente sind unbezahlbar.

Die Fahrt weiter nach Norden führt mich zu aller erst nach Osch, einer Stadt in unmittelbarer Nähe zu Grenze nach Usbekistan. Hier schließe ich eine Versicherung für einen Monat ab. 3,50€ sind gut investiert, und bieten ein gewisses Maß an Sicherheit. Ansonsten ist der Ort zum erledigen von Dingen wichtig. Der verblasste Sowjetcharme hat nichts Schönes an sich.

Ich freue mich wieder auf die Berge und Seen entlang der Strecke nach Bishkek, der Hauptstadt des Landes.

Die Straßen werden zunehmend schlechter, enthalten nur noch Spuren von Teer. Entlang wilder Bergflüsse haben sich kleine Dörfer gebildet.

Alles scheint auf Selbstversorgung eingestellt zu sein. Die kleinen Häuschen, viele aus Lehm gebaut, haben lange Gärten hinter sich. Die Tiere, Schafe, Ziegen und Kühe, laufen frei herum. Freundliches Grüßen und Winken überall. Am Straßenrand versorge ich mich mit Gemüse, Obst und frischem Fladenbrot, dem Lepjoschka aus dem Tandyr (Holzofen aus Lehm). Dann geht es wieder auf Stellplatzsuche. Ein See in der Nähe ist dafür sehr willkommen. Ein spektakulärer Abend wird es werden als sich der Himmel zuzieht. Donner und Blitz eine Szenerie zaubern, der man sich nicht entziehen kann. Der See ist aufgewühlt, ein stürmischer Wind peitscht das Wasser auf. Aber es fällt kein Regen, gespenstisch schön. Der Henry steht wie ein Stein am Ufer. Die Scheiben verhänge ich nicht, schlafe ein während ich dieses Spektakel aus dem Auto beobachte.

Nach einer Woche erreiche ich Bishkek.

Annette hole ich vom Flughafen ab, sie wird wieder 3 Wochen dabei sein. Wir fahren am Morgen direkt vom Flughafen in die Berge, die die Stadt nach Süden hin schützend umschließt. Der Himmel ist wieder grandios, die Flüsse klar und kalt. Dafür heizt die Sonne das Land über 30°C auf. Die Nächte sind aber angenehm kühl, um sich die nötige Erholung im Schlaf zu holen.

Bergwandern ist im Ala Artscha Nationalpark ein echtes Highlight. Mich faszinieren die wilden Bergwiesen ganz besonders.

Die erste Polizeikontrolle in Bishkek. Raus geht es Richtung Issy Kul. Ich bin gefühlt an hunderten Polizeikontrollen unbemerkt vorbeigekommen. Überall wird in Kirgistan mit Freude geblitzt. Unweigerlich ziehe ich einen Vergleich zwischen China und Kirgistan. Was dem Chinesen seine Passkontrolle, ist dem Kirgisen seine Geschwindigkeitskontrolle. Die Geschwindigkeit muss auch kontrolliert werden, es wird hahnebüchen gefahren, allerdings wird auf den Zustand der Fahrzeuge wenig bis kein Augenmerk verschwendet. Der Großteil dessen, was sich im Straßenverkehr bewegt, sind ausgemusterte europäische Wagen. Hier findest du sie noch, die erste Passat Serie, uralte Audi 100 usw. Ich schweife ab. Die 4 spurige Straße geht raus aus Bishkek. Hinter einem Gebüsch lauern sie. Der Leuchtstab, den der Polizist locker am Handgelenk schwingt, zeigt auf mich. Die Geste ist klar, bitte hinter das andere Fahrzeug stellen. Pass und Fahrzeugpapiere, und die höfliche Bitte zum Dienstwagen zu folgen. 10km/ h zu schnell, so der erste Vorwurf. Dabei blieb es dann. Dafür sollte ich jetzt ins Röhrchen pusten. Alkoholkontrolle morgens um 10:30Uhr. Vielleicht nicht ganz von der Hand zu weisen. Ich soll aber 3cm Abstand zum Röhrchen halten und dann pusten. Ergebnis 0,45 Promille. Ich bin schockiert. Ob ich heute oder gestern Abend was getrunken hätten. Nein beteuere ich. Kein Pivo, kein Vodka, so die Nachfrage. Nein versichere ich schockiert über diesen Wert. Es folgt die global gültige Geste für Geld, Daumen streicht über Zeigefinger. Nachtigall ick hör dir trabsen! Ich stell mich blöd, einer meiner Kernkompetenzen. Er versucht über Google Translater seinem Wunsch Nachdruck zu verleihen, kommt aber mit dem Programm nicht klar. Ich will wissen wieviel er haben will, oder braucht. Er bemüht sein Handy erneut, wieder ergebnislos. Jetzt ist er völlig verunsichert, wie er da so auf seinem Beifahrersitz hockt. Ich schaue durch das geöffnete Fenster von oben herab. Allein diese Anordnung ist schon blöd für ihn. Stelle mich weiter dumm. Jetzt wird es ihm zu blöd. Er gibt mir meine Papiere und schickt mich mit einer wischenden Handbewegung zurück zum Auto. Wegelagerei!

Wildes Wetter am Issyk Kul, wieder irre Wolkenformationen am Himmel. Der größte See in Kirgistan auf über 1600m Höhe, 182 km lang und 60 km breit. Ein toller Stellplatz vor Kiefern 50m vom Ufer entfernt. Wir grillen, die Wolken verziehen sich, haben wir wohl so verdient.

Das Highlight der Reise in Kirgistan ist aber der Song Kul in über 3000m Höhe. Grasland so weit das Auge reicht, Pferde die sich in Herden frei bewegen, Hirten auf Pferden, schneebedeckte Gipfel, Jurten, ein Traum von Outdoor Leben. Die Fahrt durch die Berge hierher verlangt von Mensch und Maschine einiges ab. Man muss es sich verdienen. Wir genießen es in vollen Zügen.

Der Toktogul See auf dem Weg zurück nach Osch, wo wir die Grenze zu Usbekistan überqueren müssen, fasziniert uns mit irren wechselnden Farben des Wassers und der umgebenden Berge. Der Vollmond spiegelt sich abends im See, in dem wir zuvor noch ein kühlendes Bad genossen haben.   

Ein letzter Stellplatz vor Osch direkt am Fluss. Ein würdiger Abschluss in einem Land, das uns mit seiner atemberaubenden Natur so in den Bann gezogen hat.

Schaut es auch auf Youtube an, man kann es nicht beschreiben.

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